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Paris-Brest-Paris (2019) | 30'313 Kalorien bis Paris (Erlebnisbericht)

Erlebnisbericht von: Bela Takacs aka The Rocketman

30'313 Kalorien bis Paris

Paris-Brest-Paris (PBP) 2019

"Es ist erst zu Ende, wenn es zu Ende ist."
"Es ist erst zu Ende, wenn es zu Ende ist."

Spricht man von Paris-Brest-Paris so muss man in Superlativen sprechen.

 

Paris-Brest-Paris (PBP) ist die älteste seit 1891 stattfindende Radsportveranstaltung. Die im Vierjahres Turnus ausgetragene und 1215 km lange Fernfahrt an die Westküste von Frankreich und zurück, ist für Brevetfahrer aus der ganzen Welt, was der Mount Everest für die Alpinisten ist. 6673 qualifizierte Ranndoneure aus über 25 Ländern versuchten dieses Jahr das historische Brevet zu bewältigen. Darunter auch 49 «rote Teufel» von Audax Suisse

Gestreifte Badeanzüge und nordkoreanische Geheimagenten.

Nun stehe ich also hier und warte auf den Start, ruhig, fokussiert, gelassen. Der wunderschöne Schlosspark von Rambouillet, der ehemalige Königssitz in der Agglomeration von Paris, bildet eine würdige Kulisse für diesen historischen Anlass. Es herrscht eine ausgelassene, fröhliche Stimmung. Ein wenig Streetparade, ein Schuss Openair, eine Prise Albanifest. Keine Hektik, kein Drängeln, obwohl die Luft knistert vor Aufregung, Erwartungen und Vorfreude. Ich geniesse das ausgelassene Tohuwabohu, sauge die Stimmung in mich auf. Erspähe ein holländisches Tandemteam in Holzclogs und historisch, gestreiften Badeanzügen, ertappe eine nordkoreanische Fahrerin, die genüsslich eine Zigarette raucht. «Ziemlich sicher ein Mitglied des Geheimdienstes!», schiesst es mir durch den Kopf!

Ein Franzose mit einer Art Blumentopf auf dem Fahrradhelm und einem Baguette auf dem Gepäckträger radelt pfeifend an mir vorbei und hinter mir diskutiert eine Gruppe Inder, wild gestikulierend über den Streckenplan.

 

Da ich wie immer zu spät bin, bahne ich mir meinen Weg mit zahlreichen «Sorry’s» «Tschuldigung’s» und excuse moi’s» durch die zahlreichen wartenden Ranndoneure meinen Weg zum Block D. Kurz vor meinem Startblock erspähe ich, gut sichtbar im coolen Dress der roten Teufel von Audax Suisse, Massimo, der am Wegrand sitzt und auf seinen Start wartet. Wir begrüssen uns kurz, wünschen uns viel Glück und weiter geht’s. Ja, Massimo, er ist ja nicht nur ein ausgezeichneter Brevetfahrer sondern auch der beste Rennrad Guide, den ich kenne. Gab er mir doch letztes Jahr in Giverola im Rennrad Camp unmissverständlich zu verstehen, dass wenn ich so lachend und pfeifend die Berge hochradle, in seiner Gruppe nichts zu suchen hätte und gefälligst in die stärkste Leistungsgruppe zu wechseln hätte, damit der Trainingseffekt optimal genutzt werden kann. Tja, was soll’s eigentlich wollte ich ja nur easy Ferien machen, aber wenn Massimo das sagt!!

Stolzer Rocketman beim Start
Stolzer Rocketman beim Start

Am Anfang war das Feuer, Einblick in die Psyche eines Mannes.

Warum ich Paris-Brest-Paris fahre, wurde ich oft gefragt.

Nun, die Antwort ist eigentlich ganz simpel!

 

Wie die meisten Frauen wissen, beginnt mit der abgeschlossenen Pubertät, bei den Männern die «midlife crisis». Dies geschieht meistens so zwischen dem 45. und dem 50. Altersjahr. Man(n) lässt sich einen Pferdeschwanz wachsen, singt laut und falsch «born to be wild», kauft sich eine Harley oder least sich einen Porsche, den man irgendwann gegen die Wand fährt. Man legt sich eine Freundin zu, die sicher jünger und meist auch dümmer ist als die eigene Tochter, oder man beginnt Soziologie zu studieren.

 

Aus diversen Gründen, die ich hier nicht weiter erläutern möchte, kam leider keine dieser Optionen für mich in Frage und so habe ich mir zum 50. Geburtstag Paris-Brest-Paris geschenkt und angefangen, soweit möglich, systematisch zu trainieren.

 

Nach zahlreichen gesundheitlichen Rückschlägen, grenzt es doch schon an ein kleines Wunder, dass ich überhaupt hier stehe und pünktlich zum Start habe ich mir wieder einmal eine extrem schmerzhafte Muskelverhärtung im unteren Rückenbereich zugezogen. Nur den magischen Fingern des Physio-Teams Obstgarten ist es zu verdanken, dass ich einigermassen schmerzfrei am Start stehe.

Bonne Courage und los geht's!

Das Feld wird in mehreren Wellen zu je 300 Fahrern im Abstand von 15 Minuten auf den Kurs geschickt. Ich starte sonntags im vierten Startblock D. Das ist perfekt, habe ich doch so ca.1200 Fahrer vor mir, die ich alle überholen darf und gehe gleichzeitig dem Stress und der Hektik der Möchtegern Rennfahrern aus dem Weg.

 

Pünktlich um 16:45 Uhr werden wir unter tosendem Applaus auf die 1215 km lange Strecke entlassen. Wie an der Tour de France, eskortiert von einer Motorradpatrouille der Polizei und einem Leitfahrzeug, werden wir durch die Vororte von Paris gelotst. Zahlreiche Zuschauer stehen am Strassenrand, applaudieren und feuern uns an. Ich fühle mich wie der Sonnenkönig persönlich! «Après moi le deluge, nach mir die Sintflut», denke ich.

"Après moi le deluge, nach mir die Sintflut."
"Après moi le deluge, nach mir die Sintflut."

Lady's first und wie die Bidons fliegen lernten.

Nach ca. 30 Minuten wird die Strecke vom Leitfahrzeug freigegeben und sofort wird ein horrendes Tempo angeschlagen, der Tachometer zeigt selten unter 35 km/h. Geschlossen durchquert das Feld ein riesiges Waldgebiet, es wird sehr unrhythmisch gefahren. Wie eine Ziehharmonika wird das Peloton bei den Anstiegen auseinandergezogen, nur um bei der nächsten Abfahrt wieder, wie ein losgelassener Luftballon, in die ursprüngliche Form zusammenzuschrumpfen. Natürlich geschieht alles unter Einsatz heftiger Bremsgriffmalträtierungen.

 

Da ich selten in der Gruppe trainiere, fühle ich mich äusserst unwohl. Ich versuche möglichst kräfteschonend im Feld mitzufahren, denn wer den Windschatten verliert, verliert Vater und Mutter! Vor mir zwei schwankende Russen, links und rechts eingeklemmt zwischen einem Senegalesen und einer Japanerin, hinter mir ein drängelnder Rumäne, mein Gott, wie sehne ich mir einen ruhigen, autofreien Aufstieg auf den Pragelpass, der nur durch das Gebimmel einiger friedlich grasender Kühe gestört wird, herbei.

 

Ich fahre konzentriert, meine Sinne sind geschärft, die Kilometer fliegen nur so an uns vorbei. Ich suche mir ein paar lederne, braungebrannte Beine, die kurbeln regelmässig, die wissen, dass Paris-Brest-Paris erst auf der zweiten Hälfte entschieden wird. Immer wieder werden Lücken aufgerissen, und alle warten bis jemand seine Nase in den Wind hält und sie schliesst, meistens ist es eine kleine zierliche Italienerin, die schlussendlich die Initiative ergreift und die Lücke zufährt. In ihrem Schlepptau jeweils die ganze keuchend und schnaubende Machobande.

 

Zwei, dreimal schaue ich diesem bizarren Spiel amüsiert zu. Schlussendlich geht mit das jedoch zu weit, ich oute mich als Gentleman, beisse in meinen Lenker und übernehme die Führungsarbeit. Nach diesem Techtelmechtel versuche ich kraftsparend im vorderen Drittel des Feldes zu fahren und lasse erst gar keine Lücke mehr entstehen.

 

Plötzlich geht ein Ruck durch das Feld, heftiges Bremsgequietsche, blockierte Räder, Rücklichter, Energieriegel und Bidons zischen an meinem Helm vorbei und nur knapp vermag ich meinem bremsenden Vordermann nicht ins Hinterrad zu krachen. Ein schreckliches Durcheinander. Es wird geschrien und geflucht, natürlich gleich in mehreren Sprachen!

 

Sofort versuche mir einen Überblick zu verschaffen, mich aus dem bunten Knäuel von Fahrern, verhakten Lenkern und am Boden liegenden Räder zu befreien. Aha! Da sind sie nun, die berühmt, berüchtigten französischen Temposchwellen; in 0.1 Sekunden von 40 km/h auf 0 km/h.

 

Natürlich wurde ich davor gewarnt, Bidons, Lichter und alles, was nicht Niet- und Nagelfest ist, wurde an meiner Maschine nochmals speziell mit Kabelbindern gesichert, sieht zwar nach einem «Gebastel» aus erfüllt jedoch tadellos seinen Zweck. Tja, im Pulk der Testosteron-Junkies fährst du taub und blind und hast keine Chance zu reagieren.

 

Langsam dunkelt es ein und mit der Nacht kehrt Ruhe im Feld ein. Alle 80 bis 100 km wird ein Posten angefahren, an dem man sich seine Kontrollkarte abstempeln lassen muss und sich verpflegen kann. Ich versuche möglichst wenig Zeit an den Posten zu verlieren und immer eine geeignete Gruppe zum Weiterfahren zu erwischen.

 

Wir sind flott unterwegs. Bereits nach 200 km schluckt unser Peloton Fahrer aus den vor uns gestarteten Feldern.

Ich mache mir jeweils einen Spass daraus, die Nummern den Startfeldern zuzuordnen und die überholten Fahrer zu zählen.

Energie vom roten Teufel.

An einem weiteren Kontrollposten ruft plötzlich jemand meinen Namen. Verwundert drehe ich mich um. Es ist Andras, ein weiterer roter Teufel von Audax Suisse, gut erkennbar an unseren höllisch heissen Trikots.

 

Freudig begrüssen wir uns und beschliessen, gemeinsam einige Kilometer abzuspulen. Wir tauschen Neuigkeiten aus, erzählen uns von unseren Zielen und Wehwehchen, lachen und scherzen. Geteiltes Leid ist halbes Leid und es ist Balsam für mich, mit ihm durch die Nacht zu gleiten und der Einsamkeit zu trotzen. Mit Andreas teile ich nicht nur die Passion des Langstreckenfahrens, sondern auch meine ungarischen Wurzeln. Hogy vagy? Wie geht’s frage ich ihn in gebrochenem ungarisch. Er lacht, gut, es geht mir gut! Wir fühlen uns stark und voller Energie, bestimmen das Tempo, fahren aggressiv und voller Lebensfreude dem Sonnenaufgang entgegen. Ist doch klar in unseren Adern fliest das Blut von Atilla dem Hunnenkönig.

Wer hat die Berge versteckt?!

Nichts liebe ich mehr als kilometerlange Anstiege. Ich bin ein Kind der Berge, je länger und steiler, umso besser. Die Bretagne ist da eher ungewohntes Terrain für mich, ich frage mich, warum Gott die Bretonen bestrafte und über hunderte von Kilometer keine richtigen Berge in die Gegend gepflanzt hat.

 

Doch die Schönheit dieser Landschaft zieht mich irgendwann in seinen Bann, sanfte, ja fast zärtlich, geschwungene Hügelzüge, die mich an die Silhouette einer wunderschönen Frau erinnern und endlose Felder, reihen sich kilometerlang aneinander. Es ist wie ein nie endendes Gleiten auf einer Welle und trotzdem summieren sich die Höhenmeter am Schluss auf über 11'000!

Ahoi, Meer in Sicht!

Plötzlich steigt der unverkennbare salzig herbe Duft des Meeres in meine Nase und die imposante Stahlkonstruktion der Hängebrücke von Brest bestätigt mir, am Wendepunkt angekommen zu sein. Ich halte einige Sekunden inne, geniesse diesen heroischen, emotionalen Moment und meine Gedanken und Gefühle fahren einige Runden Achterbahn.

 

Am Kontrollpunkt werden bereits einige Fahrer für einen Fernsehbericht interviewt. Ich lasse meine Karte abstempeln, verpflege mich kurz, checke mein System und geben meinem Carbon Esel bereits wieder die Sporen. Paris ruft!

 

Mein Ziel war es möglichst kräfteschonend innerhalb von 24 h nach Brest zu gelangen. Bei vielen ist der Ofen schon in Brest aus. Müde und gebrochen liegen sie in der Turnhalle. Für mich beginnt hier erst das Brevet.

Viele Randonneure können 600 km hart fahren, aber 1200 km ist nochmals eine ganz andere Hausnummer.

Später erfahre ich, dass ich die Strecke nach Brest mit einem 29 km/h Schnitt zurückgelegt habe, angesichts der vielen Höhenmetern und dem aufkommendem Gegenwind gar nicht mal so übel für einen alten Mann.

Das Brevet beginnt.

Konnte ich auf der Hinfahrt stets von einer Gruppe profitieren, wird der Rückweg von einer komplett anderen Taktik bestimmt. Viele Teilnehmer haben in Brest einen längeren Halt eingeplant, während ich mich entschieden habe durchzufahren. So treffe ich nur noch auf vereinzelte Fahrer oder auf zersprengte Gruppen, die jedoch nicht mein Tempo fahren. So werde ich die nächsten 600 km auf mich allein gestellt sein. Allein zu fahren ist nicht jedermanns Sache. Es setzt gewisse Erfahrung und einen starken Willen voraus. Auch birgt es gewisse Gefahren, nachts mutterseelenallein in der Pampa herumzugondeln. Ich habe gelernt, ganz gut damit umzugehen. Alleine unterwegs zu sein hat auch gewisse Vorteile, so kann man die Pausen, das Tempo und die Strategie selber bestimmen.

 

Der Rückweg wird teilweise auf der gleichen Strecke gefahren wie der Hinweg. So sieht man im Grunde genommen alle Gestarteten mehrmals. Die Strecke ist zwar ausgeschildert, es wird jedoch explizit darauf hingewiesen, dass man für die Navigation selber verantwortlich ist. Beim Hinweg folge ich also den Pfeilen nach Brest und beim Rückweg den Pfeilen nach Paris. Klingt ja relativ einfach. Doch nach 24 Stunden ohne Schlaf bin ich mir teilweise doch nicht mehr so sicher, wo ich jetzt herkomme, respektive wo ich jetzt wirklich hin will …

Vive la France, vive la révolution!

In den Dörfern werden die Randonneure immer wieder frenetisch angefeuert, Kinder verkaufen Sirup und Kekse, Schilder weisen auf Schlafgelegenheiten hin und in manchen Weilern herrscht ein regelrechter Festbetrieb.

 

Am Anfang winke ich verhalten zurück, bedanke mich mit einem Lächeln oder einem leichten Kopfnicken. Mit zunehmender Renndauer verliere ich jedoch meine Zurückhaltung. Winkt mir wieder eine Menschentraube zu oder feuert mich an, so rufe ich laut: «Vive la France!» oder «Liberté, egalité, fraternité!» Ja, der Französisch-Unterricht in der Oberstufe zahlt sich jetzt wirklich mal aus! Das Volk schreit, das Volk tobt, das Volk liebt mich, ich spüre die Energie, sie treibt mich vorwärts, sie treibt mich weiter.

 

Bereits sitze ich fast 30h im Sattel und es sind bereits über 800 km zurückgelegt. Langsam spüre ich die Müdigkeit, die zweite Nacht kündigt sich an und am nächsten Kontrollposten mache ich mich für die Fahrt durch die Dunkelheit bereit. Wieder heisst es, die Karte abstempeln lassen, Verpflegung kaufen und Flüssigkeit tanken. Die über 2500 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer des Anlasses sind alle stets sehr zuvorkommend, nett und hilfsbereit.

 

Beinlinge und Ärmlinge werden montiert, die obligatorische Leuchtweste und das Licht gecheckt. Kopfhörer-Stöpsel rein, um mir mit einigen guten Grooves die Nacht zu verkürzen.

 

Die Temperaturen sind soweit ideal. Der mässige Gegenwind Richtung Brest und einige Regentropfen sind allemal verschmerzbar. Trotzdem, mit zunehmender Renndauer, schwitze ich am Tag und friere ich in der Nacht.

Mein System fährt langsam in den roten Bereich, in den Überlebensmodus.

Im Überlebensmodus
Im Überlebensmodus

Die längste Weihnachtslichterkette der Welt.

So pedaliere ich weiter, raus in die Stille, in die Dunkelheit der Nacht. Es fröstelt mich ich fühle mich alleine, müde und verlassen. Technoklänge bearbeiten mein Trommelfell und versetzen mich in eine Art Trancezustand.

 

Doch plötzlich taucht eine endlose Lichterkette in der Ferne aus der Dunkelheit auf und bewegt sich bedrohlich auf mich zu. Zuerst nur schwach leuchtend, wird sie immer greller und länger. Ein bizarres Schauspiel, wie Perlen auf einer Kette aufgereiht, tanzen hunderte Lichtkegel an meinen Augen vorbei. Es ist das Peloton, das am Montag auf die Reise geschickt wurde und Richtung Brest in die erste Nacht hineinfährt. Viele grüssen, klingeln, winken oder schreien mir etwas zu. Ich habe Mühe auf der Piste zu bleiben, da die entgegenkommenden, ultramodernen Halogenleuchten mir ununterbrochen versuchen meine Augäpfel rauszubrennen. Sie blenden extrem und machen mich navigationsunfähig. Fasziniert und gleichzeitig genervt ziehe ich meine Schirmmütze tief ins Gesicht und versuche mich auf den Strassenrand zu konzentrieren. Der Spuk dauert wohl über eine Stunde. Danach umhüllt mich wieder die Stille und die Dunkelheit der Nacht.

 

In Gedanken versunken versuche ich meinen Rhythmus zu fahren, doch meine Reifen kleben wie Kaugummi auf dem groben Asphalt, auch mein malträtierter Rücken beginnt wieder zu reklamieren. Ich denke an meine Familie, an meine Freunde und an den Sinn und noch viel mehr an den Unsinn des Brevet-Fahrens!

Fällt er in den Graben, fressen dich die Raben!

Meine Konzentration lässt langsam nach und sofort werde ich dafür bestraft. Mit dem Vorderrad gerate ich auf die nasse, seitliche Grasbegrenzung, rutsche weg und platsch, lande ich im Strassengraben. Normalerweise würde ich wohl wütend fluchen. In Anbetracht meiner Situation und da mein System nur noch im Überlebensmodus arbeitet, habe ich jedoch gar keine Energie mehr, wütend zu sein.

 

Der Sturz war nicht sonderlich hart und das Gras hat meinen Fall optimal gedämpft. Nun liege ich so im Wassergraben, schaue in den Sternenhimmel und lausche dem beruhigenden Zirpen der Grillen. Die Welt erscheint mir wunderbar und ich möchte einfach nur schlafen. Langsam füllen sich meine Rennradschuhe blubbernd mit Wasser. He! Bela! War’s das? Ist dein Traum, dein Abenteuer hier zu Ende? Ich denke an die vielen wunderschönen, aber auch harten Brevets in der Schweiz, wie uns Audax gequält und geschunden hat, wohl immer im guten Gedanken uns optimal auf PBP vorzubereiten, an die Ziele, die ich mir gesteckt habe. An meine Familie und meine Freunde, die zu Hause mitfiebern und auf mich warten. Es ist erst zu Ende, wenn es zu Ende ist, philosophiere ich vor mich hin! Ein Sprichwort sagt: Alte Tiger, die das Ende spüren sind am gefährlichsten! Ja, ich fühle mich extrem alt, aber ich bin auch ein Tiger und alte Tiger sterben kämpfend.

 

Also rapple ich mich auf, ziehe meine Carbon Maschine aus dem Sumpf und bemerke erst jetzt, dass auch der ganze Inhalt meine Lenkertasche im Graben liegt. Verpflegung, Powerbank, Kleider, alles durchnässt, aber noch funktionstüchtig.

 

Irgendwas geht halt immer schief! Wie hat mal ein guter Freund zu mir gesagt: Bela, wenn dir nichts Schräges passiert, fangen wir uns an Sorgen zu machen!

Staying alive oder; was liegt unter dem Tiefpunkt?

Mit dem Sturz hat mein Gehirn wohl noch den letzten verfügbaren Tropfen Adrenalin in meinen Kreislauf gepumpt, so dass ich weiterfahren kann. In meine Ohren dröhnt Staying Alive, der Disco Hit der Bee Gees. Genau 103 Beats pro Minute, meine optimale Kurbeldrehzahl, aber auch der geeignete Rhythmus, um Halbtote mit einer Herzmassage wieder zum Leben zu erwecken! Ja, seit über 40 Jahren begleitet mich dieser Ohrwurm, aber erst in dieser feucht, fröhlichen Sternennacht wird mir bewusst, was die drei Glitzerboys da trällern; Staying Alive, am Leben bleiben! Was denken denn die drei Discofuzzis, was ich hier seit 38 Stunden versuche? Genau; am Leben zu bleiben!

Mami, Mami, Papi bewegt sich nicht mehr!

Beim nächsten Kontrollposten habe ich mich entschlossen einen Powernap einzulegen. Doch zuvor stibitze ich auf der Toilette eine Rolle rosa Klopapier, um meine durchnässten Schuhe und Socken auszustopfen.

 

Ich stelle den Timer meines Handys auf 15 Minuten, lege meinen Kopf auf die Tischplatte und zack, innert einigen Sekunden schlafe ich wie ein Murmeltier. 15 Minuten reichen, um sich einigermassen zu erholen. Man kann wieder klar denken und fühlt sich danach einigermassen wach. Der Körper braucht im Grunde genommen den Schlaf nicht, es ist das Gehirn, welches zuerst schlapp macht.

 

Zu Hause verfolgen Familie und Freunde am Computer mein Brevet. Ich werde an jeder Kontrollstelle getrackt. Meine Söhne verfolgen das Ganze mit ihren Kollegen und diskutieren, ob sie das wohl auch schaffen könnten, wieviel Red Bull man da wohl trinken müsste, oder wie viele Big Mac’s man auf 100 km verbraucht. Doch das Warten auf den nächsten Kontrollposten zieht sich in die Länge, da ich eine kurze Pause eingelegt habe. Meine Söhne werden in ihrem jugendlichen Leichtsinn schnell ein wenig nervös. Papi bewegt sich nicht mehr, informieren sie meine Frau, die sie aber schnell beruhigen kann, denn bereits wurde ich auf meiner Rakete am nächsten Posten getrackt.

 

Die aufgehende Sonne bringt meinen Kreislauf wieder ein wenig in Schwung und in einem kleinen Dorf erspähe ich ein riesiges Schild, auf dem geschrieben steht, dass hier vor der Kirche genau 1000 km absolviert sind.

Nur noch 215 Kilometer?! Da muss ich mich ja bereits auf den Endspurt vorbereiten!

Der radelnde Gehirnforscher und sein 4D Kino.

Versuchte mich mein Gehirn bei meinen ersten Brevets noch mit simplen Trugbildern von pfeifenrauchenden Zwergen, die auf Riesenpilzen sassen und stinkenden Teufeln, die aus einer Schwefelwolke erschienen, zu täuschen, geht es heute viel subtiler mit dem Schlafentzug um.

 

Plötzlich kommen mir einige Streckenabschnitte bekannt vor, was mich doch sehr verwundert. Ich weiss jeweils schon vorher, was sich hinter der nächsten Kurve befindet. Oder ich kenne das Dorf, durch das ich erst noch hindurchfahren werde. Zuerst finde ich das Ganze noch sehr amüsant und ich mache mir ein Spiel daraus, jeweils zu erraten, welche Farbe dann die Fensterläden des nächsten Hauses haben, oder wie viele Scheunen im nächsten Dorf stehen. Da sich jedoch meine Vorhersagen im Nachhinein immer wieder bewahrheiten, beginne ich allmählich an meinem Verstand zu zweifeln. Wenn das mit meinen Prophezeiungen wirklich funktioniert, werde ich vor der nächsten Lottoziehung, einfach schnell noch 1000 km runterstrampeln, denke ich.

 

Bei genauer Analyse der Situation ist mir schon klar, wie das funktionieren konnte. Ich kann es mir nur so erklären, dass ich bei der Hinfahrt nach Brest die Strecke von der anderen Seite gefahren bin und mein Gehirn wohl irgendwie imstande war, den Film bei der Rückfahrt nun rückwärts abzuspielen. Somit konnte ich mich an gewisse Dinge wieder erinnern, auch wenn ich sie zuvor nicht wissentlich wahrgenommen hatte. Coole Sache, so ein Gehirn.

Die pinke, bombastische Trinkflasche und mein Französischlehrer im Döschwo.

Weiter erlebe ich Situationen, in denen mein Verstand, sanft Wirklichkeit und Illusion miteinander vermischt, wie die Zutaten in einem gut geschüttelten Longdrink.

 

Ich spüre förmlich wie sich die Synapsen in meinem Gehirn pfeilschnell verbinden, nur um sofort wieder zu explodieren und neue schräge Geschichten durch mein Hirn zu jagen.

 

So überholt mich beispielsweise bei ca. km 1060 ein alter, scheppernder, froschgrüner Döschwo. Am Steuer sitzt nicht weniger als mein Französischlehrer aus der Sekundarschule und ermahnt mich, mit erhobenem Zeigefinger, «Accent grave» und «Aigu» ja klar auszusprechen, damit mich die Franzosen auch gut verstehen. Einige Kilometer später steht die Familie eines guten Freundes am Wegrand, feuert mich frenetisch an und mein Gottimeitli versucht mir eine überdimensionale, pink eingefärbte, mit süssen Meerjungfrauen verzierte Trinkflasche zu übergeben. Die Trinkflasche ist ca. 2 Meter gross und ich habe leider keine Chance sie zu ergreifen. Vor einem stattlichen Landhaus winkt mir lachend ein Nachbar aus Obfelden zu, während er genüsslich an seiner Brissago zieht und fleissig den Rasen mäht.

 

Natürlich spüre ich auch ganz deutlich die Kraft und die Energie meiner Familie, meiner Freunde und Kollegen, ohne sie wäre die ganze Geschichte eine «Mission Impossible».

Magische, madagassische Zauberchips.

Für die letzten 50 km habe ich mir noch einige madagassische, fermentierte Ingwerchips eingepackt. In Madagaskar kursiert die Legende, dass man mit dieser höllischen Wurzel, sogar tote Zeburinder wieder zum Leben erwecken kann. Höllisch scharf, wecken sie meine Lebensgeister, wärmen mich von innen, als hätte man glühende Holzkohlebriketts eingeworfen. Ausserdem bringen sie meinen komplett übersäuerten Magen wieder ein wenig ins Gleichgewicht, ernähre ich mich doch seit einigen hundert Kilometer nur noch von Bananen und Pain du Chocolat.

Extra PS durch magische, madagassische Zauberchips
Extra PS durch magische, madagassische Zauberchips

Per Autopilot zum Ziel.

Obwohl die Streckenführung landschaftlich wunderschön durch den königlichen Wald führt, sind die letzten Kilometer nur noch ein Kampf ums Überleben. Ich wünsche mir ein Wurmloch, durch dass ich mich direkt ans Ziel nach Paris beamen kann, frisch geduscht, satt und ausgeschlafen. Aber nichts dergleichen passiert. Mit letzter Kraft kämpfe ich gegen die imaginäre 50 Stunden Marke, gegen die Müdigkeit, die Lethargie, gegen den Schmerz und meine Hilflosigkeit. Dies wird mein letztes Brevet sein, ich werde mein Rad auf Ricardo versteigern - Startpreis 1 Franken! Werde anfangen zu fischen oder Schach zu spielen. Ich verfluche Paris, ich verfluche Brest, ich verfluche meinen Sattel, meinen Lenker, meine Ersatzschläuche, meine Energieriegel und natürlich diesen total abgefahrenen Verein voller verrückter, schräger Vögel mit dem Namen Audax Suisse !!!

 

Die letzten Kilometer dehnen sich wie ein Gummiband. Doch ich weiss, dass mich jede Kurbelumdrehung einige Meter näher zum Ziel bringt. Genau vor zwei Tagen bin ich in Rambouillet losgeprescht. Voller Tatendrang, frisch, stark, furchtlos. Nun krieche ich zurück; gebrochen, gealtert, zerstört. Ja, PBP ist wie ein Leben im Zeitraffer.

 

Bei meiner Ankunft werde ich nochmals von zahlreichen Zuschauern in der ganzen Stadt angefeuert. Das grobe Kopfsteinpflaster auf dem Weg zum Schlosspark spüre ich schon lange nicht mehr. Ich fahre durch das pompöse, schmiedeiserne Parktor und auf der Schlossparkallee und fühle ich mich wirklich wie ein König. Im Ziel stemme ich mit letzter Kraft mein Rad in die Höhe. Es ist vollbracht, ich fühle mich leer, müde und ausgelaugt, doch ich weiss, die Schmerzen und die Qualen werden irgendwann verschwinden! Die Erinnerungen, der Stolz und die tollen Erlebnisse werden für immer bleiben.

 

Ja, es ist erst zu Ende, wenn es zu Ende ist, flüstere ich leise.

AUDAX Suisse | DIAbLES RoUGES
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