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TEIL 1 | Vier Nächte und drei Schläuche bis Paris (Erlebnisbericht)

Vier rote Teufel bei der Zieleinfahrt von PBP (2019)
Vier rote Teufel bei der Zieleinfahrt von PBP (2019)
  • "Auf der ersten Hälfte bekommst du ein Gefühl für den Besenwagen - bei der Rückfahrt geht's drum, mit so vielen anderen Radfahrer wie möglich zu sprechen"
  • "Cycling is the new normal" - Mikko Vulli (Finnland) in der 4. Nacht
  • "Ich werd's dieses Mal ganz langsam angehen" - Robert (70h...)

Prolog

Sonntag, 18. August 2019 in einem Wald bei Paris - abends um 19:00. Tausende Radfahrer_innen warten ungeduldig auf ihren Start beim ältesten Radrennen der Welt. Mitten unter ihnen stehe ich - schon schweissgebadet bevor's losgeht. Vor einer Stunde war die Welt noch in Ornung und ich tiefenentspannt. Dann ist mir plötzlich eingefallen, dass mein Radcomputer (mit dem GPS Track) noch im Auto liegt und die Zeit knapper wird, als geplant. Auf dem Weg zum Auto dann der erste Plattfuß im Hinterrad. Das Beunruhigende daran: auf 15.000km hatte ich mit dem Rad nicht einen Platten und jetzt plötzlich 4 innerhalb weniger Wochen - irgendetwas stimmte nicht. Beim Tauschen des Schlauchs hab ich dann in der Hektik (45min bis zum Start...) den zweiten Schlauch mit dem Reifenheber durchstochen - also alles nochmal runter und den zweiten Schlauch montiert. Dabei den Reifenheber abgebrochen und das abgerochene Teil nicht gleich gefunden... wird schon nicht mehr im Reifen sein... 35min bis zum Start. Ich eile wieder zur Startreihe. Unterwegs kaufe ich einem anderen Teilnehmer noch schnell 2 Ersatzschläuche ab, die mir jetzt fehlen. Am Start treffe ich dann Moni wieder, mit der ich angereist bin und erzähle ihr, was gerade los war... da merke ich, dass sich die Luft aus meinem Hinterrad schon wieder verabschiedet. Zwischendrin meint Stefan noch, dass das das Felgendband sein könnte. Zum dritten mal in 30min mache ich den Mantel runter und schau mir das Rad genauer an... zuerst mal fällt mir das abgerochene Teil des Reifenhebers entgegen - gut, hätten wir das schon mal. Dann sehe ich: tatsächlich, das Felgendband war durchlöchert und die Bohrungen an den Speichennippeln ziemlich scharfkantig... 10min bis zum Start... Mir fällt ein, dass ich ein Textilklebeband bei meinen Reparatursachen habe - ich krustel es raus, einmal rund um die Felge geklebt... Mantel wieder drauf, Schlauch rein, durch die Startreihe zu einem gegenüber geparkten Wohnmobil, dort die Luftpumpe geliehen und beten, dass es dieses Mal hält. Bei einer letzten Inspektion des Hinterrads sehe ich dann noch eine Delle in der Felge - wohl durch etwas gewalttätige Benutzung des Reifenhebers ein paar Minuten vorher. Also noch schnell die Bremsbeläge weiter zur Radmitte geschraubt, damit ich mir nicht die Felge durchbremse... Vor 5 Minuten wäre mein Start gewesen - zum Glück hat sich der ganze Block etwas verspätet. So viel sei vorewggenommen: der Schlauch hat gehalten - 1200km lang - es war das Felgenband... danke Stefan!

Fahrradreparatur
Fahrradreparatur

Vorgeschichte

Paris-Brest-Paris, davon hab ich zum ersten Mal in einem Globetrotter Magazin gelesen (muss ~2004 gewesen sein), als die Outdoor-Erfahrenheit eines Mitarbeiters vorgestellt wurde. Im Text hieß es: "...ist auch schon Paris-Brest-Paris mitgefahren..." - interessant dachte ich mir und hab's wieder vergessen. Ein paar Jahre später dann beim Zweiradmechanikermeister meines Vertrauens in Karlsruhe hat dieser mir erzählt, er würde sich auf Paris-Brest-Paris vorbereiten (das war 2007) und dort zum zweiten Mal nach 1991 mitfahren. Zur Dekoration seines Ladens hatte er damals alle Qualifikationsstrecken auf Landkarten ausgedruckt und in seinem Geschäft ausgestellt. Ich war nachhaltig beeindruckt und wollte das unbedingt auch machen. Zuerst dachte ich an ein Liegerad - ich konnte mir schlicht nicht vorstellen, wie man eine solche Strecke auf einem Sattel sitzend überleben konnte. Damals war bei mir noch nach 75km Rennrad das große Leiden angesagt... 200km bin ich erst einmal am Stück gefahren und alles darüber war schlicht unvorstellbar. Es würden noch 11 Jahre vergehen, bis aus dem "Traum Paris-Brest-Paris" bei mir Wirklichkeit werden sollte.

2018 hat mich dann das Rennradfieber wieder gepackt. Zufällig hatte ich auf einer Tour durch den Schwarzwald von einem anderen Radfahrer bei einer Rast wieder von [Alb-Extrem] gehört und wollte da schon immer mal mitfahren. Wie durch ein Wunder waren noch Startplätze frei und mutig (doof) wie ich nunmal bin, hab ich mich gleich für die längste Strecke angemeldet. Erst später habe ich dann gesehen, dass es einen Zielschluss gibt und Panik breitete sich aus. Im Urlaub auf Korsika, wenige Wochen vor Alb Extrem, wollte ich [die Strecke mal zum Test] fahren... prompt waren es am Ende 4 Stunden über Maximalzeit und in meinen Gedanken hatte ich ein Finishen bei Alb Extrem in Zielzeit abgehakt. Mein Plan war eigentlich gewesen, Alb Extrem zu fahren, danach ein 600km Solo-Brevet auszuprobieren und wenn das alles gut geht, mich im August für das 1000er Brevet bei Audax Suisse anzumelden - um mir eine frühe Anmeldung bei PBP zu ermöglichen (die Organisatoren von PBP erlauben eine umso frühere Anmeldung, je länger man im Vorjahr gefahren ist. Mit 1000km war man "sicher drin"). Nach der Erfahrung auf Korsika hab ich starke Zweifel an meinem Plan bekommen.

Letztlich hat alles geklappt - ich hab [Alb Extrem in Zielzeit] geschafft, mich danach alleine auf den Weg von [Stuttgart an den Gardasee] gemacht und mich schließlich zum [BRM 1000 bei Audax Suisse] angemeldet und alle Strecken erfolgreich gemeistert. Damit konnte ich  mich im Januar 2019 in der erstmöglichen Gruppe zu Paris-Brest-Paris anmelden. Ich war drin!

Vorbereitung

Neben der erfolgreichen Voranmeldung für PBP galt es dann 2019 erst mal wieder fit zu werden. Mit zwei kleinen Kindern und 40h Arbeit pro Woche war das schwieriger als geplant. Um die verbleibende Zeit besser nutzen zu können gab's im November erst mal ne Rolle a.k.a. Smart Trainer. Danach ging einiges an Internetbandbreite für Zwift drauf... ein äußerst unterhaltsamer Affenzirkus mit integriertem Schwanzvergleich... genau das richtige um mich bei Laune zu halten. So gab's dann bis Ende Februar erst mal 1400km indoor - das Parket unter dem Trainer hat mindestens so gelitten, wie ich (und die Nachbarn, aber das hab ich erst im Nachhinein erfahren). 2018 hatte ich 4.500km auf der Kette, als ich mich an das BRM 1000 gewagt habe - nach den dortigen Erfahrungen hab ich mir vorgenommen, dass es für PBP 6.500 sein sollten - das war quasi mein Trainingsplan.

Gegen Ende des Winters wollte ich dann eigentlich auch wieder raus an die frische Luft. Leider reduziert sich mit einem KiTa-Kind nicht nur die Freizeit, sondern auch die Gesundheit in der Freizeit. Erkältungsgeplagt war so die [erste "lange" Fahrt mit 100km] nicht vor Ende Februar drin.

Wer die erste Hürde geschafft hat und sich für PBP "voranmelden" konnte, dem steht bis Juni die zweite Hürde bevor: die Qualifikations-Brevets. Dies bedeutet, dass man im selben Jahr jeweils ein Brevet mit 200, 300, 400 und 600km gefahren sein muss. Die Termine für die 200er, 300er, 400er und 600er Brevets bei Audax Suisse waren mit die ersten in meinem Kalender für 2019. Das [200er Anfang April] war einfach perfekt. Mit Jonas und Matze hatte ich zwei super Begleiter und wir flogen quasi um den Bodensee herum. Auf eben jener Veranstaltung lernte ich Frank kennen, der mein Zugpferd für das [300er von Schaffhausen ins Donautal und zurück] gewesen ist. Die Wetterbedingungen waren alles andere als gut - wir hatten viel Regen, Kälte und Wind - am Ende waren alle froh, rechtzeitig wieder in Buch im Ziel anzukommen. Zwei Wochen vor dem [600er im Mai] hatte ich das Vergnügen, nach Indien auf Dienstreise zu gehen. Meinem Magen hat der Ausflug nicht so gut bekommen, so dass nach einer Woche - die ich überwiegend auf Porzellan sitzend verbracht habe - völlig unterernährt in eine eiskalte Nacht gestartet bin. Wer's genau wissen will, findet meine [Eindrücke im Audax Suisse Blog]. Dazu kam, dass das 600er vor dem 400er war, so dass es für mich zumindest auch vom Trainingsstand her nicht gerade perfekt vorbereitet war. Thomas hatte - nett wie er nunmal ist - die 2019er Brevets doppelt im Programm: einmal in der Warmduscher-ich-will-es-auf-jeden-fall-schaffen-Variante und einmal in einer teuflischeren Zusammenstellung als THB (teuflisches hardcore Brevet). Nachdem ich beim 200er, 300er und 600er auf Nummer sicher gegangen war und die zwei Wochen vor dem 400er etwas mehr Zeit auf dem Rad verbringen konnte, hab ich mich für das letzte 400er an den Teufelskram gewagt und wurde nicht enttäuscht. Zusammen mit Robert als bestem Begleiter, den man sich für eine solche Unternehmung vorstellen konnte, ging es [über einige steile Rampen auf weitgehend unbekannten Pässen in einer großen Schleife durch die Schweiz]. Für mich eines der absoluten Highlights des Jahres.

Damit war dann auch die letzte formale Hürde für die Qualifikation genommen. Zwei Wochen vor Paris durfte ich nochmal einen guten Tag an die frische Luft und bin von [Stuttgart durch den Schwarzwald in die Vogesen und durch den Schwarzwald zurück nach Tübingen]. 400km in unter 20h - für den Kopf war's gut!

Neben den Kilo- und Höhenmetern waren alle Brevets bei Audax Suisse immer wieder auch ein Lehrstück in Sachen Taktik, Selbsteinschätzung, Ernährung und die Wichtigkeit von guten Begleitern. Das 600er hätte ich ohne Daniel und Jochen auf den letzten Kilometern schlicht nicht geschafft. Beim 400er wäre ich ohne Robert gar nicht erst zur schweren Strecke angetreten. Ohne vom 600er zu wissen, dass sich meine Knie durch langsames Fahren auch unterwegs wieder erholt, hätte ich vermutlich auch bei PBP am ersten Tag frustriert den Zug genommen. Für diese Erfahrungen bin ich Audax Suisse und allen Wegbegleitern unendlich dankbar. Und ich fühlte mich bestens vorbereitet für das große Ziel.

Anfahrt und Registrierung

Vor lauter Radfahren kam die ganze Logistik um PBP bei mir etwas zu kurz. Als es vermutlich schon zu spät war, hatte ich noch kein (Hotel-)Zimmer und keinen Plan, wie ich hin und wieder zurück kommen sollte. Umso geschickter war es, als ich beim 400er mit Moni darüber gesprochen hatte und sie meinte, sie hätte ein Zimmer, in dem zur Not noch Platz wäre und ich ihr dafür angeboten habe, von Stuttgart mit dem Auto zu fahren. So kamen wir dann also zu zweit - bzw zu dritt - nach Paris. Am Abend vor Abreise hat sich noch Rainer aus Stuttgart dazu gesellt und in einem Auto mit 3 Leuten konnte ich auch mit beruhigtem ökologischen Gewissen nach Paris fahren.

Unser Auto auf dem Weg nach Rambouillet
Unser Auto auf dem Weg nach Rambouillet

Gegen 13 Uhr - und damit reichlich vor unseren gebuchten Zeiten für den obligatorischen Bike-Check trafen wir in Rambouillet ein. Die Stadt war wirklich voll mit Randonneuren und je näher man ins Epizentrum des Geschehens vorrückte, desto verrückter wurde es. Das einzige was noch nicht perfekt war, war das Wetter. Bis Sonntag kurz vor den ersten Starts war es wolkig und regnerisch.

Erster, regnerischer Eindruck von Rambouillet
Erster, regnerischer Eindruck von Rambouillet

Der Bike Check war dann schnell gemacht, im Gegensatz zu den knüppelharten TÜV Kontrollen bei Audax Suisse durfte in Rambouillet jedes Rad an den Start, dass irgendwie zwei oder drei Räder und ein irgendwie funktionierendes Licht aufweisen konnte - ich war erleichtert. Danach gab's die Startunterlagen. Alles war perfekt organisiert und ich war zum ersten mal beeindruckt von der professionellen Arbeit der vielen freiwilligen Helfer. Davon gab es alleine im Startgelände bei Rambouillet vermutlich einige Hundert.

Der nächste Schritt war der Check-In im Hotel. Unseres lag in der Nähe des PBP Startortes von 2015 und damit wusste das Personal wohl schon, was auf sie zukommen würde. Die Frage nach einer Abstellmöglichkeit fürs Rad wurde damit beantwortet, man könne es einfach mit aufs Zimmer nehmen. Gefühlt war das Hotel voll von PBP-Teilnehmer_innen aus aller Welt.

Der letzte "offizielle" Teil des Abends war dann ein gemeinsames Abendessen mit vielen anderen Teilnehmer_innen von Audax Suisse - vor allem auch ein schönes Wiedersehen mit neuen und alten Freunden aus der vergangenen Brevet-Saison. Frank und Robert waren da, Mischa - der das Ganze organisiert hatte - sowie Rainer (mit seinem neuen Augenschmeichler a.k.a. Ecstasy-Bike), Remy kam und noch viele andere. Ein wunderschöner Abend als Einstimmung in das Erlebnis Paris-Brest-Paris. Newbies wie ich konnten sich vor allem noch einige gute Tips von den alten Hasen abholen - und so sind wir dann gegen 23 Uhr satt und müde ins Bett gefallen... und haben mit dem Ausschlafen die Check-Out Zeit des Hotels von 12 Uhr mittags voll ausgenutzt.

Sonntag (1 Nacht)

Nach dem Packen ging's am Sonntag vom Hotel zum Startgelände. Dort gab es genügend Parkplätze, so dass die Unterbringung unserer Kutsche kein größeres Problem war. Danach mussten die ganzen Radtaschen montiert werden - auch darin hatten wir inzwischen Übung. Im Eifer des Gefechts hatte ich allerdings meinen Fahrradcomputer im Auto liegen lassen... siehe Prolog... Als alles dran war machten wir uns auf zum Gruppenfoto mit allen Audax Suisse Fahrer_innen, das für 15:00 angesetzt war.

Anschließend war eigentlich noch genügend Zeit, um das Startgelände einmal bis zum Startbogen abzulaufen und sich noch das ein oder andere exotische Rad etwas genauer anzuschauen. Neben den vielen verschiedenen Fahrrädern war ich vor allem fasziniert von der Herkunft der Fahrer_innen. Sie kamen wirklich aus allen Ländern der Welt - die meisten hatten ein Trikot mit ihrem Heimatland und so wusste man sofort, woher der Fahrer oder die Fahrerin angereist war. Robert und Mischa waren die ersten Fahrer aus unserer "Gruppe" und natürlich wollten wir dabei sein, als sie durch den Torbogen losrollten. Auf Frank konnten wir auch noch warten und dann wurde mir bewusst, dass die Zeit bis zu meinem Start um 19:15 schon etwas knapp wurde... naja - die restliche Geschichte kennt ihr ja schon.

Innerhalb meines Startblocks hab ich mich dann ganz hinten eingereiht. Bei allen Rennen die ich bisher bestritten habe, fand ich es immer angenehm, eher hinten anzufangen und zu überholen, statt vorne loszufahren und ständig überholt zu werden. Auf 1200km ist das zwar alles nicht mehr so wichtig und man wird ständig überholt und überholt dann wieder andere - aber für den Anfang war es ein gutes Gefühl. Der Plan war zu Beginn etwa einen Schnitt von 25km/h zu fahren.

Meine Wenigkeit auf dem Weg zum Start
Meine Wenigkeit auf dem Weg zum Start

Auf die ersten 100km gab es an Rädern wirklich alles zu bestaunen, was nicht ein "Sonderrad" war (Tandem, Liegeräder, Velomobile...) - diese hatten eine gemeinsame Startgruppe einige Stunden früher. So begegnete ich Fat-Bikes (bei denen ein Reifen vermutlich mehr gewogen hat als mein ganzes Rad), Falträdern, Mountainbikes und was weiß ich noch alles. Zumindest von den Fatbikes habe ich nach 200km kein einziges mehr sehen - würde mich interessieren ob überhaupt ein's gefinished hat...

Ein Fatbike (DNF)
Ein Fatbike (DNF)

3 Stunden nach dem Start ist es bereits ziemlich dunkel und es kommt der Teil der Brevets, auf den ich mich eigentlich immer ganz besonders freue: die Nachtfahrt. Was hier anders ist als sonst, ist die Tatsache, dass selbst mitten in der Nacht und sogar noch morgens um 4 des öfteren Leute am Straßenrand sitzen, die es sich mit warmen Decken in ihren Liegestühlen gemütlich gemacht haben und jedem Fahrer ein "Bonne Route" oder "Bonne Courage" zurufen. Dazu immer wieder Kinder, die einen frenetisch anfeuern oder Wasser, Kuchen, Crêpes und allerlei andere Verköstigung anbieten. Man muss es erlebt haben, um es zu glauben.

Was mich zu der Zeit noch nicht so stört, aber heftiger war als ich es mir vorgestellt hatte, waren die vielen Hügel. Es gab eigentlich keine flachen Abschnitte, sondern es ging immer entweder bergauf oder bergab. Auf den ersten Kilometern ist man geneigt, jeden Hügel wegzudrücken - in Kombination mit einer kleinen Tasche, die ich auf der Innenseite meines Lenkers montiert hatte und an die mein linkes Knie leicht anstieß, war dies vermutlich die Ursache für meine späteren Knie-Probleme.

Ein weiterer Eindruck, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging, war die scheinbar unendliche Lichterkette von Fahrradrücklichtern, die sich bis an den Horizont zog. 4000 Fahrräder (die zu dem Zeitpunkt als ich losgefahren bin in etwa unterwegs gewesen sein durften) in Zweierreihe aneinandergereiht, gibt eben schon eine ganz ordentliche Strecke.

Nachtfahrt durch die erste von 4 Nächten
Nachtfahrt durch die erste von 4 Nächten

So rolle ich immer wieder in einer anderen Gruppe der ersten Verpflegungsstelle in Mortagne-au-Perche entgegen. Der erste größere Anstieg nach Logny-au-Perche sollte ein kleiner Vorgeschmack auf die folgenden Hügel werden. Einigen guten Ratschlägen folgend hatte ich genügend Proviant dabei, um mich nicht lange an der Verpflegungsstelle aufzuhalten. Mitgebrachtes Marzipan sollte erst mal den Kalorienbedarf stillen - alle Stunde ein ordentlicher Bissen und die Beine hatten Saft.

Erste Verpflegungsstelle in Mortagne-au-Perche
Erste Verpflegungsstelle in Mortagne-au-Perche

Montag (1 Nacht, 1 Tag)

Nach etwa 9,5h und 217km war dann um 4:30 die erste richtige Kontrollstelle in Villaines-la-Juhel erreicht. Das Prozedere sollte an allen Kontrollstellen in etwa das selbe sein: Abstellplatz fürs Fahrrad suchen, Brevet-Heftchen rauskrusteln, zur "Contrôle" laufen, Stempel ins Heftchen machen lassen, zurück zum Fahrrad laufen, Heftchen in Rahmentasche verstauen und weiterradeln. Gewarnt durch brennende Fußsohlen nach den letzten 400 Vorbereitungskilometern in die Vogesen hatte ich mir angewöhnt, an jeder Kontrolle die Schuhe am Rad auszuziehen und barfuß zu laufen. Das hat sich bewährt, ich hatte keinerlei Probleme mit den Fußsohlen - ganz zu schweigen von der Abnutzung der Cleats an den Rennradschuhen.

Ursprünglich wollte ich die erste Nacht ohne Schlafen durchfahren, allerdings wurde ich in den dunklen Morgenstunden (wir waren ja relativ weit westlich, so dass es erst gegen 6:30 dämmerte) irgendwann so müde, dass ich mich entschlossen habe, vor einer Kirche in Chantrigné meinen Schlafsack auszupacken und eine gute halbe Stunde zu schlafen. Kurz nachdem ich mich hingelegt hatte, kam eine Gruppe Portugiesen, die den Eindruck machten als hätten sie schon ordentlich alkoholische Getränke zu sich genommen und die so laut waren, dass an Schlaf erst mal nicht (mehr) zu denken war. Als diese dann endlich ruhiger waren und ich gerade weggenickt war, haben die Kirchturmglocken direkt hinter mir auch dem taubsten Tauben klar gemacht, dass es jetzt also morgen wäre und man nicht mehr zu schlafen hätte... also raus aus dem warmen Schlafsack und wieder rauf aufs Rad... immerhin war ich wieder wach und inzwischen war es auch schon hell.

Radfahrer am Morgen direkt neben meinem Schlafplatz
Radfahrer am Morgen direkt neben meinem Schlafplatz

Die Abstände der Kontrollstellen sollten jetzt immer etwa 80km betragen, so dass ich gegen 9:45 in Fougères nach 306km an der zweiten Kontrollstelle ankam. Ein Wegweiser an der Einfahrt zeigte, dass die Hälfte der Strecke nach Brest bereits hinter mir lag - ein tolles Gefühl. An der Kontrolle traf ich dann auch das erste bekannte Gesicht wieder: Rainer und sein Rainbow-Bike waren auch da und eigentlich hatten wir uns nach der Stempelung auch zum gemeinsamen Essen verabredet - nur leider hab ich Rainer im verwinkelten Speisesaal dann nicht mehr gefunden. Stattdessen hatte ich ein sehr nettes Gespräch mit Wally from Texas.

Irgendwann nach Fougères meldet sich mein linkes Knie. Weil es eigentlich immer das rechte war, welches Probleme machte, kann es gut sein, dass eine Ausweichbewegung bezüglich Lenkertasche für die einsetzenden Schmerzen verantworlich war. Aus Erfahrung vom 600er wusste ich, dass langsames Fahren und wenig Druck in den Anstiegen das Problem lösen kann - so bin ich erst mal wie auf rohen Eiern gefahren, nach nur 300km wollte ich auf keinen Fall wegen "technischem Defekt" aufhören müssen. Spätestens jetzt waren auch noch so kurze Hügel kein Vergnügen mehr, sondern mir ging's langsam ziemlich auf den Sack, dass immer wenn man gerade oben war, schon wieder sehen konnte, wo's nach der Abfahrt das nächste mal wieder hoch ging.

Erste Wegelagerer zwischen Fougeres und Loudéac
Erste Wegelagerer zwischen Fougeres und Loudéac

Es begann zum ersten mal auf dieser Strecke eine Phase, in der ich sehr viel ins Grübeln kam und erste Zweifel ob der Machbarkeit meinerseits aufkamen. Auf dem Tiefpunkt all dieser Gedanken kam ich zur nächsten Kontrollstelle und zu meiner Freude traf ich dort gleich drei bekannte Gesichter: Stefan, Frank und Tilman. Mit ihnen wollte ich die nächsten Kilometer gemeinsam weiterfahren.

Wir hatten alle nicht so recht Lust auf das Essen an der Kontrollstelle, so dass wir gleich nach dem Losfahren in einem schönen Restaurant am Wegrand Pause machten und erst mal gemütlich ein verspätetes Mittagessen zu uns nahmen - es war bereits 3 Uhr als wir schließlich wieder im Sattel saßen.

Mittagspause mit Stefan, Tilman und Frank
Mittagspause mit Stefan, Tilman und Frank

Lange konnte ich der illustren Gesellschaft der drei Herren leider nicht beiwohnen - bergauf war ich schlicht zu langsam und wollte nicht der Bremsklotz sein. Frank hat nochmal nachgefragt, was denn los sei - ich war froh eine Zeit lang Begleitung gehabt zu haben, hatte mein Tief hinter mir und konnte gut wieder alleine weiterfahren - was ich die nächsten 60km bis Loudéac dann auch gemacht habe.

Wir rollen in Richtung Loudéac
Wir rollen in Richtung Loudéac

Irgendwo auf einer Anhöhe hab ich dann auch die ersten und einzigen Regentropfen der gesamten 4 Tage abbekommen - man konnte den Regen zwar in etwas Entfernung sehen, aber zumindest ich bin gerade noch so dran vorbeigekommen - Glück muss man haben!

Auf der Anhöhe vor Loudéac
Auf der Anhöhe vor Loudéac

Zwar langsam - aber stetig ging es dann weiter zur nächsten Kontrollstelle in Loudéac. Dort war dann auch plötzlich richtig was los und man wurde mit lautem Applaus empfangen. Die Fahrradstellplätze schienen undendlich groß und zu meiner Verwunderung traf ich ein paar Audax Suisse Kollegen wieder, die ich schon längst viel weiter wähnte. Ein paar Fotos schießen und mit möglichst wenig Zeitverlust weiter.

Im Anschluss wurde es richtig hügelig - man könnte schon fast sagen bergig. Landschaftlich zwar sehr schön, aber sehr anstrengend wurden die Anstiege jetzt auch noch richtig steil und ich musste bergauf immer wieder aus dem Sattel. Zu diesem Zeitpunkt kamen mir die ersten Randonneure aus der Gegenrichtung entgegen. Mit einem unglaublichen Tempo waren diese dann auch noch mit über 700km (und vermutlich keiner Minute Schlaf) unterwegs.

Trotz aller Langsamkeit konnte ich nicht umhin, immer wieder anzuhalten und Bilder zu machen - die untergehende Sonne und das damit einhergehende Licht zwangen mich förmlich dazu. Irgendwo treffe ich dann auf einen anderen einsamen Randonneur - wie sich rausstellen sollte ein Staatsanwalt aus den USA, der wohl ähnlich viel Lust auf Unterhaltung hatte wie ich. Ins Gespräch vertieft hatte ich dann auch nicht mehr so viel Zeit über mein Knie nachzudenken und war plötzlich wieder deutlich schneller unterwegs. Ein gutes Gefühl, nach vielen Stunden alleine unterwegs zu sein, wieder etwas Gesellschaft zu haben. Erst kurz vor der nächsten (Geheim-)Kontrolle fuhr mein Begleiter davon, durch ein Missverständnis seinerseits war er davon ausgegangen, dass ich vor ihm gefahren bin und er wollte mir hinterher. Ich wollte den langen Anstieg nicht das hohe Tempo fahren - mein Knie war ja gerade erst wieder einigermaßen gut gewesen.

Im hügeligen Teil zwischen Loudéac und Nicolas-du-Pelem
Im hügeligen Teil zwischen Loudéac und Nicolas-du-Pelem

Einige Kilometer später dann die erste Geheimkontrolle in Nicolas-du-Pelem. Mit einsetzender Nacht komme ich hier um kurz nach 22 Uhr an und treffe zu meiner großen Überraschung abermals auf Frank. Nach schneller Milchreiseinnahme (davon habe ich an fast jeder Kontrollstelle einen gegessen) ging's dann in neuer Formation zusammen mit Toni und Bene (zwei anderen Randonneuren aus Deutschland) weiter in die Nacht.

Geheimkontrolle bei Nicolas-du-Pelem
Geheimkontrolle bei Nicolas-du-Pelem

Die Pause hat mir gut getan - die Knieschmerzen sind weg und ich kann das Tempo unserer Gruppe wieder gut mitgehen. Was ein Unterschied: gefühlt ließen die Hügel etwas nach und im abwechselnden Windschatten fahren wir im Vergleich zum Nachmittag ein richtig hohes Tempo. Die nächsten 40km nach Carhaix scheinen wie im Flug zu vergehen. Als wir um 0:30 nach 520km ankommen bin ich wieder bester Dinge und überlege mir, 3h zu schlafen. Dummerweise direkt am Ausgang der Kontrolle und erst mal ohne Ohropax schaffe ich es nicht einzuschlafen und stehe nach 30min nochmal auf, um die Dinger am Rad zu holen und mir in die Ohren zu stopfen. Danach schlafe ich im Schlafsack direkt auf der Wiese liegend 2,5h wie ein Baby. Um 3:30 packe ich zusammen und gehe die letzten beiden (und längsten) Anstiege in Richtung Brest an.

Nachts um 0:30 in Carhaix
Nachts um 0:30 in Carhaix

Dienstag (1 Tag, 2 Nächte)

Der Roc Trevezel sollte der längste Anstieg der ganzen Tour sein. Mit 300 Höhenmeter kein hoher Pass fordert er doch nach 550 gefahrenen Kilometern einige moralische Körner und zieht sich wie Kaugummi. Irgendwo in der Mitte habe ich dann noch eine Begegnung der anderen Art, als ein offensichtlich völlig übermüdeter Mitfahrer dauer-schwankend vor mir auf der Straße hin und her eiert, dabei komische Flüche ausstößt und insgesamt nicht den Eindruck macht, als sollte er noch auf einem Rad sitzen. Mir war vor allem unwohl bei dem Gedanken, ihn in der nächsten Abfahrt vor mir zu haben und so überhole ich alsbald und versuche etwas Abstand zu gewinnen. Seine Mischung aus Schimpfen, Bellen und Fluchen war aber noch einige Zeit lang deutlich zu hören.

Ein zweiter Wehmutstropfen war die gefühlt vielbefahrenste Straße der gesamten Veranstaltung, die ich morgens gegen 5 Uhr erreichte. Gleich bei der Auffahrt zu diesem Abschnitt donnerte ein riesengroßer LKW an mir vorbei, der ein paar hundert Meter weiter mit quietschenden Reifen zum Stehen kam, als der Versuch eine vor mir fahrende Radgruppe zu überholen missglückte. Den Gummigestank der Reifen konnte ich noch riechen, als ich einige Minuten später eben jene Stelle passierte.

Am Roc Trevezel
Am Roc Trevezel

Dazu war die Nacht auch deutlich kälter als die erste. Die feuchte Luft in der Nähe des Antlantiks ließ die ca. 10 Grad Lufttemperatur deutlich kälter wirken, als sie nominell war. Als Aufmunterung gab es auf der Hochebene des Roc Trevezel einige Zuschauer, die ganze Tische mit Kuchen, Cola, Kaffee und anderen Köstlichkeiten an den Straßenrand gestellt hatten. Viele hatten sich zwar zu dieser vorgerückten Stunde bereits in ihre Wohnmobile zum Schlafen gelegt - man durfte sich aber trotzdem bedienen.

Mit einsetzendem Sonnenaufgang setzte dann allerdings ein Farbenspiel ein, dass einen alle Strapazen und die Kälte vergessen ließ. Der leichte Nebel mit dem ersten Licht des Tages in Blau- und Rottöne gefärbt zwangen mich förmlich dazu ein Foto nach dem anderen zu schießen - die hellen Vorderlichter der anderen Fahrer_innen taten im Nebel ihr übriges zur malerischen Stimmung hinzu. Einfach unbeschreiblich.

Morgenstimmung 50km vor Brest
Morgenstimmung 50km vor Brest

Um einem die letzten Kilometer nach Brest nicht zu leicht zu machen, schlug die wellige Topologie nach einer längeren Abfahrt vom Roc Trevezel nochmal in vollen Zügen zu. Bis zur berühmten Atlantikbrücke - vielleicht dem Wahrzeichen von Paris-Brest-Paris schlechtin - sollte es nur wenige flache Kilometer geben, der Rest ging - wie immer - entweder bergauf oder bergab.

Restaurant mit (kostenlosem) Getränkestand für die Randonneure
Restaurant mit (kostenlosem) Getränkestand für die Randonneure

Aber alle Anstrengung war erst mal vergessen, als das erste mal die Stahlseile der Atlantik-Brücke zu sehen waren. Auf der parallelen Fahrradbrücke dann mindestens 50 andere Randonneure, die sich zusammen mit mir über unsere Ankunft in Brest freuten. Nachdem gerade auch noch die Sonne recht tief hinter der Brücke stand, war es mal wieder Zeit für unzählige Fotos. Sicher eine halbe Stunde hab ich so auf der Brücke "vertrödelt" - es war aber eine lohnenswerte Pause. So fühlte sich die Halbzeit in Brest schon fast an wie Ankommen.

Für die letzten Kilometer zum Checkpoint ging es - man ahnt es schon - natürlich mal wieder bergauf. Einmal quer durch die Stadt lag dieser auf der anderen Seite der Brücke in einer Schule. Die Freude über den Mittelpunkt der Reise ließ das aber alles vergessen. Nach dem obligatorischen Stempeln gönnte ich mir dann auch die für die zweite Hälfte eingeplante frische Radhose. Was ein Hochgefühl! Wieder treffe ich zwei Audax Suissler, von denen ich ausgegangen bin, dass sie schon viel weiter sind und nach kurzer Pause mache ich mich wieder aufs Rad - ich wollte unbedingt noch eine Postkarte an meine Tochter schicken.

Checkpoint bei Brest: Halbzeit!
Checkpoint bei Brest: Halbzeit!

In einer riesen Bäckerei an einem Einkaufszentrum fallen wir über die verschiedensten französischen Backwaren her. Damit war der Kalorienhaushalt erst mal wieder ins Gleichgewicht gebracht und es konnte losgehen zu weiteren Wellen und Hügeln zurück Richtung Paris. Nachdem die Strecke aus Brest raus eine andere war als nach Brest rein, waren wohl die zahlreichen Mitfahrer_innen, die mir auf dem Hinweg entgegenkamen alles Abbrecher - das war mir zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht wirklich bewusst. Immerhin hatten sie die 600km bis Brest geschafft und damit ein schönes Ziel erreicht. Unterwegs treffe ich Moni, die später gestartet war und noch in Richtung Brest unterwegs war. Da ich schon eine ganze Weile keine Roten Teufel mehr auf der Strecke gesehen hatte, ist die Freude groß und wir tauschen ein paar Eindrücke aus. Vor allem macht sie mir aber bewusst, dass irgendwann der lange Anstieg hinauf zum Roc Trevezel beginnen muss, den ich am morgen runtergerollt bin. Das dämpft meine Stimmung etwas. In Erwartung dass es jeden Moment losgehen muss radel ich dahin und weiter und weiter und treffe schließlich in Sizun auf Ale, der mit einem Bier am Straßenrand sitzt und die Sonne genießt. Ale habe ich beim 600er nachts um 1 Uhr am Schloß Neuschwanstein kennengelernt, als er uns nach einem Restaurant fragte, in dem er noch was Warmes zu essen bekommt. Wir mussten ihn leider enttäuschen.

Ale in Pausenlaune
Ale in Pausenlaune

Die Straße zieht sanft bergan und ich komme gut voran. Unterwegs mache ich Halt bei einer Familie die am Straßenrand Kuchen und Getränke an die Randonneure verteilt. Es gibt Liegestühle zum Ausruhen und ich nutze die Pause, um die Radfahrer zu beobachten, die eine nach dem anderen vorbeikommen.

Familien-Versorgungszelt bei der Auffahrt zum Roc Trevezel
Familien-Versorgungszelt bei der Auffahrt zum Roc Trevezel

Nach einer Weile rolle ich weiter und warte immer auf den steilen Anstieg. Der kommt nicht, plötzlich bin ich oben. Entlang der Straße stehen noch mehr Wohnmobile als in der Nacht und zahlreiche Schaulustige säumen die Straße, feuern uns an und verschenken Getränke.

Vor uns liegt eine langgezogene Abfahrt in Richtung Carhaix. Zunächst freue ich mich darüber, alles runterrollen zu können, was ich in der Nacht bergauf gefahren bin, dann geht die lange Abfahrt wieder in ein welliges Hoch und Runter über und die Topologie fängt an, an meinen Nerven zu zehren. Glücklicherweise treffe ich unterwegs einen gesprächigen Mitstreiter aus Brasilien, mit dem ich ein ablenkendes Gespräch beginne. Leider habe ich seinen Namen vergessen.

Lange Abfahrt vom Roc Trevezel
Lange Abfahrt vom Roc Trevezel

Gegen 15 Uhr komme ich endlich am Checkpoint in Carhaix an - dieses mal hole ich mir nur schnell einen Stempel, lass mir am Fahrrad-Reparatur-Stand - den es an jedem Checkpoint gibt - kurz etwas Öl auf die Kette sprühen und fahre dann zügig weiter. Nachts hatte ich mir ausgerechnet, dass ich mit 520km nach 30h Fahrzeit gute 120km "Vorsprung" zu 1200km in 90h hatte. Inzwischen ist dieser Vorsprung auf 80km geschrumpft und ich bin nicht mehr ganz so locker bezüglich dem Einhalten des Zeitlimits.

Kurz nach dem Checkpoint fängt mein Knie wieder an weh zu tun und ich erlebe meinen persönlichen Tiefpunkt dieser Rundfahrt. Obwohl genügend Kraft in den Beinen vorhanden ist, um eigentlich kräftig zu treten, macht das linke Knie wieder Probleme. Irgendwie möchte ich nicht schon wieder unter Last treten und es nagt auch an mir, dass sobald es leicht bergauf geht, alle anderen spielend an mir vorbeifahren. In einer Seitenstraße in Rostrenen steige ich länger vom Fahrrad und steh einfach nur rum. Als ich wieder losfahre habe ich einen lichten Moment und mache Halt an einer Apotheke. Dort kaufe ich mir eine Tube Diclofenac Salbe und Ibuprofen Tabletten. Die Salbe schmiere ich sofort in einer dicken Schicht auf mein Knie, die Tabletten fasse ich bis Ende der Tour nicht an, aber es beruhigt mich, sie im Gepäck zu haben. Nach einer Viertelstunde hören die Schmerzen im Knie tatsächlich auf, dafür fängt jetzt meine Archillessehne an weh zu tun - vermutlich wegen den langen Passagen im Wiegetritt, die ich zur Entlastung des Knies gefahren bin.

In der inzwischen nicht mehr ganz so geheimen Kontrolle in Saint-Nicolas-du-Pélem treffe ich zu meiner Freude bei einer doppelten Portion Milchreis wieder auf Tilman. Gemeinsam brechen wir auf in die hereinbrechende Dämmerung in Richtung Loudéac. Die Müdigkeit der Radfahrer ist nun mehr und mehr auch in deren schwindenden Fähigkeit Spur zu halten zu merken. Irgendwann gehen auch mit mir die Nerven durch und ich schnauze einen japanischen Fahrer an, er möge doch bitte auf der rechten Seite fahren - nachdem er in der Mitte der Straße fahrend auch noch just in dem Moment nach links zieht, als ich an ihm vorbeifahre.

Das Zusammenfahren hilft mir sehr dabei, wieder neuen Mut zu fassen und meine Knie-Probleme zu vergessen. Til fährt ein sehr gutes Tempo, bei dem ich gut mithalten kann und das mir trotzdem den Eindruck gibt, gut voran zu kommen. So rollen wir gemeinsam über den hügeligen Teil zum nächsten Checkpoint nach Loudéac.

Dort möchte Til eine längere Esspause machen, ich entschließe mich, da es mir gerade wieder besser geht, noch etwas in die laue Nacht zu radeln - auch weil ich keine Lust habe, jetzt schon zu schlafen. Es ist jetzt stockdunkel und die Straße ausnahmsweise erst mal ganz leer - also auch keine anderen Randonneure. Erst nach einer guten Stunde treffe ich auf Russel - einem pensionierten Feuerwehrmann aus Kalifornien. Er hat große Probleme mit seinem linken Arm, der seit über 100km wie gelähmt ist. Er kann sich nur noch schwer auf dem Rad halten - trotzdem fährt er ein straffes Tempo bergauf und ich leiste ihm einige Zeit Gesellschaft.

Als ich am Straßenrand anhalte um ein paar Nachtfotos zu schießen fährt eine Gruppe mit Benedikt an mir vorbei - dieser schließe ich mich an. Unter ihnen ist auch Ilse aus Belgien, die kräftig Tempo macht, weil sie sich um ihre Zielzeit an der nächsten Kontrolle sorgt. So düsen wir in einer 5er Gruppe durch die Nacht mit dem Ziel die Versorgungsstelle in Quedillac zu erreichen. Hier kommen wir um 2 Uhr nachts an - inzwischen ist es bitterkalt geworden.

Der Schlafsaal mit den schnarchenden - und nach 3 Tagen auch nicht mehr ganz frisch riechenden - Kollegen ist wenig verlockend und ich entschließe mich zu einer Nacht auf einem Biertisch im Esszelt. Zu meiner Freude treffe ich am Tisch nebenan Stefan, der es sich in einer Rettungsdecke "gemütlich" gemacht hat. Wir reden kurz, dann stöpsel ich meine Ohropax rein und verabschiede mich ins Traumland.

Handy-Ladestelle in Quedillac
Handy-Ladestelle in Quedillac

Mittwoch (2 Tage, 3 Nächte)

Zwei Stunden Schlaf auf der wackeligen Bierbank waren dann auch genug. In weiser Voraussicht habe ich bereits im Schlafsack meine Beinlinge und Armlinge angezogen und ziehe noch eine Fleece-Jacke unter meine Hardshell an, bevor ich mich aufmache in die Kälte. Die ersten Minuten zittert mein ganzer Körper, dann werde ich langsam warm und ich gewöhne mich an die Temperaturen. Meine Archiellessehne wurde über nacht ziemlich dick und fühlt sich nicht mehr ganz so frisch an, dafür macht das Knie wieder mit.

Der anbrechende Morgen beschert mir Bilderbuchlichtverhältnisse und ich kann nicht aufhören zu fotografieren. Immer wieder stehe ich am Straßenrand und fotografiere vorbeifahrende Mitstreiter wie sie in den Sonnenaufgang fahren.

Ein paar Dörfer weiter holt mich ein unverschämter Duft nach frischen französischen Backwaren vom Fahrrad. Ich kaufe ein, was das Zeug hält und schaufel mir an der danebenliegenden Parkbank die fehlenden Kalorien in den Bauch. Die vielen vorbeifahrenden Randonneure sehen die Bäckerei wohl nicht, die etwas ums Eck gelegen war... selbst schuld...

An der nächsten Kontrollstelle in Tinténiac komme ich alleine an und möchte versuchen zwei Wegweiser - einen nach Brest und einen nach Paris - zu bekommen. Ein freundlicher Helfer versteht mein Anliegen trotz meines gebrochenen Französisch und verweist mich an seinen Freund, der daraufhin für ein paar Minuten in einem Raum verschwindet. Als er wieder rauskommt, hält er zwei Wegweiser für mich in seinen Händen. Ich möchte ihm dafür 5 Euro geben, er reagiert fast schon empört, meint, dass er dafür kein Geld nehmen würde, drückt mir freudig einen Kuss auf die Backe und freut sich, mir einen Gefallen zu tun. Ich bin sehr gerührt, küsse ihn zurück und bedanke mich mehrfach mit allem, was mir an französischen Dankesformeln einfällt.

Manche Radfahrer scheinen vor lauter Gewichtsoptimierung warme Kleidung vergessen zu haben und behelfen sich indem sie z.B. Rettungsdecken um den Körper wickeln und so weiterfahren.

Wenn einem das Geld für gute Klamotten ausgeht...
Wenn einem das Geld für gute Klamotten ausgeht...

Im weiteren Verlauf treffe ich auf Christoph (einem Musiklehrer aus Deutschland) mit dem ich bis Fougeres zusammen fahre. Er ist ein PBP Veterane und fährt ein sehr angenehmes Tempo, das immer genug Luft für ausgiebige Gespräche lässt. Sein Versuch, mir etwas Musiktheorie beizubringen scheitert wohl eher an meinem aufsummierten Schlafmangel - ich kapier's beim besten Willen nicht. Er nimmt's mir nicht krumm und wir wechseln das Thema zu Fahrrädern. Er fährt ein Rad mit Rohloff Schaltung, das natürlich sofort meine Aufmerksamkeit hat. Vor allem, weil er am Rennlenker einen Schaltgriff von Comotion montiert hat und so elegant einen Rennlenker mit einer Rohloff Schaltung kombiniert hat.

Mit Christoph (Musiklehrer) in Fougeres
Mit Christoph (Musiklehrer) in Fougeres

Nach Fougeres steht ein längerer Anstieg auf dem Programm - inzwischen wird es wieder deutlich heisser und mich holt die Müdigkeit ein. Daher mache ich erst mal 30 Minuten Mittagschlaf... leider in der prallen Sonne, was den Erholungswert etwas einschränkt. Im Anschluss geht das gewohnte Hügel-rauf-Hügel-runter Spielchen wieder los. Die vereinzelten Gruppen fahren sehr chaotisch und werden aufgrund des Schlafmangels auch immer unberechenbarer - ich versuche sie zu meiden und hänge mich trotzdem hin und wieder "hinten dran" um etwas Windschatten zu bekommen. Zwischendrin machen wir ein Dreierteam mit einem Radler aus Kanada und einem Kollegen aus Deutschland - leider ist der Kanadier viel zu schnell und ich lasse ziehen. In Ambrières-les-Vallées machen wir Pause an einer Bar, die an diesem Tag auf Radfahrer spezialisiert zu sein scheint. Ich kaufe dort das teuerste Getränk der gesamten Reise (ein Becher Cola für 5 Euro) - mir ist es aber ziemlich egal, runter damit und weiter.

Kneipe die an diesem Tag fest in der Hand von Randonneuren war
Kneipe die an diesem Tag fest in der Hand von Randonneuren war