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BRM 1000 Schweiz+ | Teilnehmerbericht (2018)

Vorgeschichte

Alles beginnt mit einem Handschlag vor 14 Monaten: In der Zeit habe ich mich intensiv mit der Strecke des 1000-km-Brevets von Audax Suisse beschäftigt und einen ersten Streckenentwurf im letzten Oktober auch abgefahren, wobei auch das Beitragsbild entstand.

 

45 km liegen hinter mir, vor mir dampft eine leckere Portion Pasta und rundherum finden Randonneursgespräche statt.  Es freut mich, M kennenzulernen, von welchem ich schon einiges gelesen habe. Morgen werden also zwei Velomobilisten auf der Strecke sein. Schade ist F (siehe Alpenluft+ 2017) wegen technischen Problemen nicht mit von der Partie.

 

Wofür wir uns angemeldet haben: 1035 Kilometer in 75 Stunden aus eigener Kraft durch drei Sprachregionen, fünf Länder (ein 6. liegt nur 50m Umweg entfernt) und über zwei Alpenpässe.

Start

Mittwochmorgen. Schlotternd stehe ich da mit nacktem Oberkörper im Halbkreis für das Gruppenfoto (es fehlen zwei Velos…), das zu schiessen dann doch ein paar Minuten dauert. Dann um ca. 0630 geht es los – M und ich traditionell zuhinterst.
Mittwochmorgen. Schlotternd stehe ich da mit nacktem Oberkörper im Halbkreis für das Gruppenfoto (es fehlen zwei Velos…), das zu schiessen dann doch ein paar Minuten dauert. Dann um ca. 0630 geht es los – M und ich traditionell zuhinterst.

„Alles OK“ ist die Antwort des mit ausgebautem Rad am Wegrand sitzenden Randonneurs. Platten gönne ich niemandem und bereits nach wenigen Pedalumdrehungen schon gar nicht :(

Gut 1000 km liegen vor dem Wäschpi. Die Stimmung dürfte ruhig so bleiben.
Gut 1000 km liegen vor dem Wäschpi. Die Stimmung dürfte ruhig so bleiben.
Rheinfall am Morgen bei Niedrigwasser
Rheinfall am Morgen bei Niedrigwasser

Mitelland

Im Windschatten von Ms „Alpha“.
Im Windschatten von Ms „Alpha“.

Die Streckenführung ist ziemlich direkt. Daher fahren wir auch die Abkürzung zwischen Bad Zurzach und Döttingen, wo mir auf der zweiten Hälfte der Tacho erschreckendes anzeigt :O . Kürzest und flachest bedeutet hier einige Km auf Naturbelag. Um die Tageszeit scheint niemand unterwegs zu sein, trotzdem ist es in der Kiste alles andere als „ruhig“.

Am Bielersee taucht M wieder in meinen Rückspiegeln auf und kaum geht es das erste Mal richtig bergauf entschwinde ich dem Seinigen.

Jura

Audax Suisse hat sich für den ersten von drei betreuten Checkpoints ein lauschiges Plätzchen am ruhig dahinfliessenden Bach in der traumhaft schönen Schluchtumgebung ausgesucht. M ist bergauf erneut schneller und wir werden uns erst geschätzte 350km später wiedersehen.

 

Der Schatten in der Schlucht tut gut.

 

Habe ich erwähnt, dass die Fahrt durch die Schlucht, so steil sie auch sein mag, superschön ist? A propos steil: Das Hinterrad hat Traktionsprobleme…

 

Bergauf überholen mich 4 Randonneure. Wie sie die 14% (Schild in Gegenrichtung) hochfahren, sieht zwar auch nicht gerade anstrengungslos aus, aber ist deutlich flotter. Kaum über der Wasserscheide (Nordsee/Mittelmeer) und der Landesgrenze sehen wir uns trotz schlecht rollendem Belag wieder. Das wird sich noch ein paarmal wiederholen.

Lac Saint-Point. Diese Aussichten lassen den schlecht rollenden Strassenbelag vergessen.
Lac Saint-Point. Diese Aussichten lassen den schlecht rollenden Strassenbelag vergessen.
An den meisten Checkpoints muss ein Selfie gemacht werden. Dieses sieht so eigenartig aus, dass es im Bericht landet (auch wenn überhaupt nie zum „ansehen“ gemacht). Der Brunnen im Hintergrund hat den Füssen die langersehnte Entspannung gebracht.
An den meisten Checkpoints muss ein Selfie gemacht werden. Dieses sieht so eigenartig aus, dass es im Bericht landet (auch wenn überhaupt nie zum „ansehen“ gemacht). Der Brunnen im Hintergrund hat den Füssen die langersehnte Entspannung gebracht.
Die Kuhweidestrecke. Für mich definitiv eines der Highlights des Brevets (und von Veloland Schweiz) 🙂
Die Kuhweidestrecke. Für mich definitiv eines der Highlights des Brevets (und von Veloland Schweiz) 🙂
Abfahrt zum Lac Léman. Ganz links im Bild das Mt. Blanc Massiv.
Abfahrt zum Lac Léman. Ganz links im Bild das Mt. Blanc Massiv.

In Genf gibt es auch bei Sonnenuntergang noch einen ziemlichen Stau. Und ich bin natürlich mittendrin, ergo mitverantwortlich.

Nacht

…ist es, als ich aus der Stadt draussen bin. Wie holperig, kurvig und … die Radroute auch ist, auf der Hauptstrasse hätte das keinen Spass gemacht. In Evian dürfen wir nochmals etwas bergauf kurbeln und werden dafür mit einer grandiosen Aussicht auf das Lichtermeer am gegenüberliegenden Schweizer Ufer und mit Evian-Wasser belohnt (wohl nicht das Gleiche wie in den Flaschen).

 

Das restliche Seeufer ist praktisch leer und die Strasse kann ich somit meistens gut ausleuchten. Gleiches gilt natürlich noch viel mehr für die folgenden Kilometer auf dem Rhône-Damm.

 

An den ersten angesteuerten Orten für einen Powernap erwarten mich die Mücken schon. Weiter. In Fully werde ich fündig und bewege mich die nächsten gut 2h nicht. Trotz des kurz zuvor in mich hineingeschütteten Colas ist etwas Schlaf zu finden kein Problem.

 

Dank Reflektorweste ist H unter einer Brücke gut zu erkennen. Ich möchte den Schlaf möglichst wenig stören und flitze vorbei. Erst viel später erfahre ich, dass der Stop unfreiwillig war und bis Tagesanbruch dauerte. Sorry für das Gerumpel und noch viel mehr fürs nicht anhalten!

Morgenstimmung im Wallis
Morgenstimmung im Wallis

In wenigen Stunden beginnt das Openair Gampel. Ich komme bei Tagesanbruch durch(!) das Festgelände und meine Befürchtung eines Umwegs für einige der nachfolgenden Randonneure wird sich bewahrheiten.

 

M hat länger geschlafen und ich bin wenig vor ihm. Die Verabredung in Brig klappt.

Dank Autoverlad ...

…könnte man den Simplonpass selbst mit dem Velomobil ganz bequem hinter sich bringen. Könnte.

 

Der Innenraum des Wäschpi und mein linkes Bein erhalten eine Coladusche, was das Raumklima auch nicht gerade angenehmer macht. Der Leistungsmesser von Ms „Alpha“ zeigt 180W – das Wäschpi mag diesem Tempo nicht folgen und so entschwindet M langsam aber stetig vor mir.

 

Ich schaffe es tatsächlich, mich bergauf (mit 5 km/h!) zu verfahren: In ein ebenso steiles und schmales Strässchen, welches ich nach aussteigen und wenden leicht frustriert wieder runterrolle – unten natürlich ein Stopschild.

 

Ein Telefonat nach Skandinavien tut gut. Merci!

 

Das oberste Drittel legen wir mangels Alternative auf der mit Tunneln und Galerien gespickten Hauptverkehrsachse zurück. Dank(!) Werktag+Schwerverkehr ist das gar nicht so unangenehm: Die bergauffahrenden Fahrzeuge kommen stossweise und ich habe jedes Mal gerade eine Ausweichbucht zu meiner Rechten. Und die Töfffahrer tun sich diese Lastwagenkolonnen offenbar nicht an. Ich fühle mich beleuchtet wie eine vorweihnächtliche Shoppingmeile (wie am Briefing gefordert) – eine Lampe hätte ich dem mich fast zuoberst überholenden und gänzlich unbeleuchteten Gümmeler schon ausgeliehen…

Simplonpass. Der zweite betreute Checkpoint wartet.
Simplonpass. Der zweite betreute Checkpoint wartet.

Am Checkpoint treffe ich M ein letztes Mal. Mein Tagesziel werde ich auch erreichen, wenn ich mich hier am See im Liegestuhl bei bestem Wetter noch etwas erhole. Einige Randonneure trudeln in den gut zwei Stunden ein.

 

Auf den ersten Metern der Abfahrt geniesse ich den Gegenwind (weniger Bremsenbelastung. Hey, bisher hatten wir eigentlich nur Rückenwind…). Bald dämmert mir aber, was dieser Gegenwind bald bedeutet: Unterhalb von Domodossola fühlt es sich an, als ob sich sich ein eingeschalteter…

... Haarföhn ...

…mit voller Leistung 20cm vor meinem Gesicht befände. Und das Zeugs, worauf/worin das Wäschpi so hässlich rumholpert, macht die Fahrt zum See auch nicht angenehmer. Aber es geht leicht bergab und das macht ja immer irgendwie Spass. Der Sekundenbruchteil der Fahrt in Mergozzo, als die enge Häuserschlucht auf der Seite verschwindet und den Blick auf den See* freigibt: Herrlich!
*den kleinen Lago di Mergozzo, das ist aber in dem Moment nicht erkennbar und auch völlig egal

 

Entlang der Seen gibt es zwar immer mal wieder kurze schöne Aussichten. Die Aufmerksamkeit habe ich neben Verkehr und Strassenbelag nicht auf die Kamera gerichtet…

Ein Gelato in Italia muss einfach sein. Ebenso wie das überhitzte Velo sofort in den Schatten muss (egal wie unglücklich platziert es ist…). Nicht im Bild sind der Nachschlag und der See gleich rechts nebenan 🙂
Ein Gelato in Italia muss einfach sein. Ebenso wie das überhitzte Velo sofort in den Schatten muss (egal wie unglücklich platziert es ist…). Nicht im Bild sind der Nachschlag und der See gleich rechts nebenan 🙂

Auf der Magadino-Ebene kommt mir erst ein Handbiker entgegen und wenig später überhole ich einen Trikefahrer.

 

Die Hitze scheint mir doch zuzusetzen.Vor Sonnenuntergang (wie geplant) werde ich den dritten betreuten Checkpoint nicht mehr erreichen.

Steil ...

…soll er sein, der Aufstieg zum San Bernardino Pass. Tatsächlich werde ich das Wäschpi ca. 3 km vor mir herschieben, was die Fusssohlen entlastet. Im Gegensatz zum Simplon gibt es hier eine Autostrasse, weshalb Velofahrer die Hauptstrasse um die Tageszeit praktisch für sich alleine haben. Ein nachfolgender Randonneur wird von einer skurrilen Polizeibegegnung berichten.

 

H ist gerade im Begriff, die restlichen Km in Angriff zu nehmen, als ich ankomme.

 

Für mich ist die Betreuung vielleicht noch ein bisschen herzlicher und ich freue mich sehr, P/J zu sehen.

 

Bald liege ich frisch geduscht mit vollem Magen auf einer richtigen Matratze und der Wecker läutet erst in neun Stunden.

Ausrollen ...

Der Wecker läutet noch nicht, als sich wie von Geisterhand geweckt drei Randonneure zeitgleich aus ihren Nachtlagern erheben. M ist seit einer Stunde im Ziel (das erfahre ich erst viel später).

 

Gut verpflegt und ausgeruht bedanke ich mich nochmal (aber viel zu wenig, sorry!) für den Service. Ich könnte mir in den geschundenen A. beissen, weil ich eines meiner Ziele versäumt habe: Ein Erinnerungsfoto mit dem Checkpointbetreuer fehlt mir.

 

Es bleiben mir 26.5 Stunden für knapp 250 km bergab. Entgegen der Prognose von Anfang der Woche regnet es nicht. Im Gegenteil:

Morgenstimmung am San Bernadino Pass
Morgenstimmung am San Bernadino Pass
Kurz vor der Passhöhe nochmals ein Blick zurück
Kurz vor der Passhöhe nochmals ein Blick zurück
San Bernadino Pass, (knapp) höchster Punkt des Brevets
San Bernadino Pass, (knapp) höchster Punkt des Brevets
…die Ampel wurde gerade grün.
…die Ampel wurde gerade grün.

In der Viamalaschlucht halte ich extra an – das Foto wurde nicht gut, gefallen hat mir der Stop natürlich trotzdem :)

 

Dankend rufe ich in Cazis das am Briefing Gehörte in Erinnerung und rolle flott weiter bis zum Stau in Chur und danach über die letzten Naturbelag-Km des Brevets.

Rheindamm nördlich von Sargans. Der Rückenwind lässt langsam nach, zuvor lasse ich es aber nochmals für ein paar Hundert Meter richtig laufen was die Übersetzung hergibt. Das muss einfach sein…
Rheindamm nördlich von Sargans. Der Rückenwind lässt langsam nach, zuvor lasse ich es aber nochmals für ein paar Hundert Meter richtig laufen was die Übersetzung hergibt. Das muss einfach sein…

Als einziger Audax-Suisse-Teilnehmer fahre ich zum dritten Mal in diesem Jahr zum gleichen Checkpoint und dennoch ist die Aufgabenstellung jedes Mal eine andere. Es sind solche banalen Details, welche zeigen, wie viel Herzblut in die Organisation gesteckt wird.

 

Der Bodenseeradweg kann zwar noch mehr unmotorisierten Verkehr aufnehmen. Mit meinem „Geschoss“ etwas zu bummeln stört mich wahrscheinlich deutlich weniger als einige 30-kg-Gepäck-auf-unplattbaren-Pneus-um-den-Bodensee-Fahrer, welche teilweise sehr laaaaaanges Leerlaufgesurre hinter sich ertragen müssen- vielleicht sind einige von ihnen ja tatsächlich auf Weltreise… Vor Nachtanbruch könnte ich es schon bald zu Fuss ins Ziel schaffen.

Spätes Zmittag in der Badi. Noch ca. 60 km.
Spätes Zmittag in der Badi. Noch ca. 60 km.
So dürfte der Bodenseeradweg gerne die ganze Zeit sein.
So dürfte der Bodenseeradweg gerne die ganze Zeit sein.

Um 1630 bin ich am Ziel.

Ausklang

Etliche Randonneure kommen nur wenig vor/hinter mir ins Ziel. Während schon Angekommene helfen, das Audax-Suisse-Zelt vor dem Sturm zu retten, werden die erst noch Ankommenden auf den allerletzten Metern dieses Sonnen- und Rückenwind-Brevets doch noch nass.

 

Die abendlichen Randonneurgespräche drehen sich um Selfsupported-Racer und Monsieurs und die eben durchgeführte Tortour. Und natürlich über das (gerade) Erlebte.

Nach 9h Schlaf mit gefülltem Magen und Rückenwind rollt es die 150km bis nach Hause fast von selbst.
Nach 9h Schlaf mit gefülltem Magen und Rückenwind rollt es die 150km bis nach Hause fast von selbst.
AUDAX Suisse | DIAbLES RoUGES
AUDAX Suisse | DIAbLES RoUGES