BRM 400 Teilnehmerbericht

Bericht zum Schwarzwald+ Brevet von AUDAX Suisse

von Tilo Lier

Würden alle meine Brevets so reibungslos wie meine ersten drei Brevets dieses Jahres ablaufen, so würde ich wahrscheinlich keine Brevet-Berichte mehr schreiben. Was soll man da denn auch noch groß schreiben? Man spult mit seiner gesammelten Erfahrung die Kilometer ab und erreicht routiniert das Ziel. In meiner achten Brevetsaison lief soweit auch alles nach Plan. 200, 300 und 600 Kilometer bewältigte ich flott und routiniert. Den 600er beim Karl sogar erstmalig unter 24 Stunden. Doch (zum Glück) wurde ich bei meinem vierten Brevet dieses Jahres von dieser Wolke aus Routine und Perfektion wieder auf den Boden der Langstrecken-Realität zurückgeholt. Jeder einzelne Brevet ist ein Abenteuer und eine neue Herausforderung. Mal klappt einfach alles, ein anderes Mal geht aber auch alles schief, mal will der Kopf einfach nicht usw.


Aber nun der Reihe nach im gewohnten Erzählstil ;)

Zusammen mit Tobias hatte ich mich zum 400er Brevet beim nagelneuen Brevet-Startort der Schweizer “roten Teufel” aka Diables Rouges (http://www.audax-suisse.ch) angemeldet. Trotz dem Start in der Schweiz sollte die Strecke sonst komplett durch Deutschland führen. Etwas Bodensee, ein Stück das obere Donautal entlang und dann noch ein wenig in den Schwarzwald eintauchen versprach ein abwechslungsreiches Programm. Eine gewisse Unbekannte war der angekündigte Anteil auf unbefestigten Schotterwegen – aber die Neugier hat überwogen.

Da wir nach dem Brevet noch mit dem Rad nach Hause radeln wollten sind wir mit dem Zug angereist. Beladen mit etwas zusätzlichem Gepäck um auf der Rückfahrt mit dem Schlafsack noch ein wenig Radcamping-Abenteuer genießen zu können. Das Starterfeld war mit 20 Teilnehmern sehr übersichtlich – aber so ein neuer Startort muss erst noch wachsen. Und die Schweiz scheint brevetmässig auch eher ein Diaspora Gebiet zu sein.

Beim Lesen der superschicken Website des Veranstalters bezüglich der technischen Abnahme hatten Tobias und ich teilweise Angst ob wir überhaupt starten dürfen. Das die Schweizer Ordnung, Regeln und Gesetze lieben ist eventuell nur ein Vorurteil, aber diese technische Abnahme schien dieses Vorurteil eindeutig zu bestätigen.

Als wir dann um 20:05 Uhr losgefahren sind und vorher keiner mein Rad bzw. meine Reifen anschauen wollte war ich irgendwie ein wenig enttäuscht. Ich überlegte schon kurz ob ich ein Teil meines Startgeldes zurückverlangen sollte, da mir dieser “integrale Bestandteil” des Brevets verwehrt blieb ;)

Spaß beiseite, Thomas der Veranstalter ist ein sehr netter und relaxter Typ der die Dinge eher locker sieht. Es wäre meiner Meinung nach passender statt der “angsteinflößenden”Regeln eher gutgemeinte Empfehlungen für eigenverantwortliche Randonneure zu geben

Los ging es mit kräftigem Rückenwind gen Konstanz. Der ortskundige Thomas P lotste uns über die Radwege, dass es einem fast schwindelig wurde. Nach der Fährüberfahrt von Konstanz nach Meersburg ging die rasante Fahrt auf Thomas P’s täglichem Arbeitsweg in ungebremsten Tempo weiter. Er kannte jeden Winkel und jede Kurve – das dranbleiben war nicht immer einfach. 

Schon auf dem Weg nach Ravensburg spürte ich, dass in meinem Sitzbereich etwas nicht ganz stimmte. Mein Sitzfleisch fühlte sich etwas gereizt an. Das machte mich etwas nachdenklich, war ich doch auf der Suche nach dem “heiligen Gral” des optimalen Sattels auch das Risiko eingegangen einen neuen Sattel zu testen. Sitzprobleme sind leider schon seit immer mein wunder Punkt beim Langstreckenradeln gewesen. Und nun nach noch nicht mal einem Viertel der Strecke aufkommende Sitzprobleme verhießen nichts Gutes. Der Sattel war aber (noch) nicht das spürbare Problem. Vielmehr wirkte es so als ob meine Haut meine geschätzte Linola Sitzcreme nicht mehr vertragen würde. Entweder hat mein Körper eine Unverträglichkeit dagegen entwickelt, oder der Inhalt der Tube vom letzten Jahr war nicht mehr gut gewesen. Ich versuchte den Gedanken daran, mit einem geröteten und gereizten Pavian-Hinterteil noch weitere 300km fahren zu müssen so weit wie möglich von mir fernzuhalten. Unsere Fünfergruppe lief nach anfänglicher Hektik immer besser und der Abend war mild und angenehm.

Nach den ersten Hügeln hinter Ravensburg, die mit kräftigem Druck genommen wurden, war das obere Donautal ein wahrer Sinnes-Flash! Bei Mondschein auf den gut rollenden Straßen durch die kleinen Felsentunnel zu fahren war mein persönliches Highlight der gesamten Strecke. Und auf dem kompletten Stück an der Donau von Inzigkofen bis Beuron sind wir keinem einzigen Auto begegnet!

Hatte ich bei all den schönen Eindrücken um mich rum meine Sitzprobleme weiter ausblenden können so kamen sie doch immer wieder spürbar zurück. An der Kontroll-Tankstelle in Tuttlingen nahm ich die Gelegenheit wahr auf der Toilette mal nachzusehen was genau eigentlich schief läuft. Wie vermutet war meine Haut im Sitzbereich stark gereizt. Das einzige was ich machen konnte war, eine weitere Ladung von der Creme aufzutragen, die mir die Probleme mutmaßlich eingebrockt hat.

Nach Tuttlingen wurde es hell und wir näherten uns dem Schwarzwald. Auf einem langen Schotterabschnitt, der alten Vöhrenbacher Straße, lief es eigentlich noch ganz gut. Doch danach fing es bei mir an immer zäher zu laufen. Aus dem Hexenloch raus konnte ich den anderen am Berg nicht mehr folgen. Nach einem Liter Cola und einer längeren Pause bei einem Bäcker in Hinterzarten ging es dann wieder halbwegs.

Im welligen Anstieg hinter Neustadt trennte sich unsere Fünfergruppe dann. Die zwei starken Fahrer Marco und Thomas fuhren normal weiter. Und wir anderen drei (Frank, Tobias und ich) nahmen etwas Tempo raus.

Auf den letzten hundert Kilometern durchs Hegau wurde dieser “kleine” Brevet dann noch zu einer echten Prüfung für mich. Eine Sitzposition die nicht schmerzte war auf dem Sattel schon eine Weile nicht mehr zu finden. Wenn es dann noch über Schotterpassagen ging war nur noch im Stehen fahren möglich. In Blumberg, welches wir über eine >20% steile Straße erreichten, hielt ich an einer Apotheke an um mir schon mal eine Wundsalbe mitzunehmen. Und auch kräftemässig kam ich nicht mehr zurück und musste echt beißen um diese Prüfung noch zu bewältigen. 

Unsere Dreiergruppe war sehr nett und unterhaltsam und so blieb, trotz aller körperlichen Probleme, zu mindestens die Stimmung stets im Spaßbereich ;)

Die Streckenwahl war insgesamt sehr gut gelungen. Viele gut ausgesuchte kleine Strassen und Radwege. Der Schotteranteil bewegte sich in einem sehr kleinen Bereich und brachte etwas Abwechslung ins monotone Treten.

Auf Grund meines wunden Hinterteils musste die geplante Rückfahrt per Rad leider in eine weitere Zugfahrt umgewandelt werden. Da Tobias und ich aber schon die Camping Ausrüstung im Gepäck hatten liesen wir uns nicht nehmen den Brevet mit einer Outdoor Übernachtung auf dem Aussichtspunkt Rosenegg ausklingen zu lassen. Das Dosenbier mit Bodenseeblick und dann boofen unter freiem Himmel war der kröndende Abschluss eines erlebnisreichen Brevets!

Fazit:

Dieser Brevet war für mich eine kleine Lektion in Sachen Demut und Bescheidenheit. Warum die Linola Creme bei mir auf einmal solch krasse Beschwerden verursacht hat gilt es noch herrauszufinden. Trotz meiner Beschwerden war der Brevet aber ein klasse Erlebnis mit vielen unvergesslichen Eindrücken. Es lebe das Abenteuer auf der Langstrecke – nichts ist planbar – der Weg ist das Ziel!